Sie sind hier

8. Mai 2015: Redebeitrag des Rostocker Friedensbündnisses zur Gedenkveranstaltung auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof am Puschkinplatz

Liebe Freundinnen und Freunde, die Ereignisse vor 70 Jahren, derer wir in diesen Tagen gedenken, werden offiziell gern als „Kriegsende“ bezeichnet.

Auf der einen Seite ist das ein indifferenter Ausdruck. „Freund und Feind liegen in diesen Gräbern zusammen“ – so lautete sinngemäß die Aufschrift einer Grabstätte für Gefallene, an der wir vom Rostocker Friedensbündnis auf unserer Friedensfahrradtour im vergangenen Sommer vorbeikamen. Sinngemäß auch: Der Tod macht alle gleich. Keine Rede davon, dass da eine Macht andere Länder überfallen hatte, weil sie ihr Territorium wollte, weil sie die Menschen dieser Länder für minderwertig hielt und weil im Hintergrund ihre Wirtschaft bestens verdiente. Kein Platz für linke Positionen.

Auf der anderen Seite ist das die Abkehr vom Gedanken des Sieges über den Faschismus, der Befreiung. Gut, dass heute über Vergewaltigungen offener geredet werden kann – dieses Thema hätte man allerdings auch zu DDR-Zeiten schon nicht der Gegenseite überlassen sollen. Aber seit Kurzem weiß man, dass Vergewaltigungen auch bei den anderen Alliierten vorkamen. In der Forschung schon länger, im öffentlichen Bewusstsein aber erst seit Kurzem, und noch lange nicht alle haben das erfasst – denn lange Zeit waren der Masse der gesamtdeutschen Bevölkerung nur die seitens der sowjetischen Soldaten bekannt. Man hatte ein Interesse daran, die Vertreter des anderen Gesellschaftssystems als barbarisch hinzustellen. Und diese antikommunistische Propaganda wird unterschwellig weitergeführt und so mancher kocht an diesem Schwelbrand sein Süppchen.

Zusammenfassend: Es geht bei diesem angeblich zeitgemäßen Gedenken auf beiden Seiten gegen die Linke. Und leider ist das ein europaweiter Trend. Man spricht von einer Normalisierung rechter Ideen und Parteien in Frankreich, Großbritannien, Österreich, in den baltischen Staaten … und womöglich bald auch in Deutschland. Und leider können wir uns unter den Bedingungen dieses Trends nicht mehr so gut orientieren, wie das seinerzeit noch im Kampf gegen einen faschistischen Aggressor möglich war. Die heutigen Faschisten maskieren sich. Sie kommen als Populisten daher. Und das heißt, entgegen einer verbreiteten Annahme, nicht, dass sie etwas für das Volk tun wollen. Sie reden dem Volk nach dem Mund und versuchen dabei, es auf ihre Seite zu ziehen:

- Sie werben bei den so genannten Montagsmahnwachen für den Frieden für das Reichsbürgertum: Deutschland habe keinen Friedensvertrag, es sei nicht souverän. Wer hätte das nicht schon einmal gedacht angesichts von EU-Regelungen und NATO-Strategien? Aber diese Leute wollen ein Deutsches Reich zurück und die Texte aus der germanischen Sagenwelt und ihre Kommentare auf ihren Webseiten verraten auch, was für eines.

- Sie tragen auf Pegida-Demonstrationen Transparente „Kein Krieg gegen Russland!“ Wer würde das nicht unterstützen? Aber im selben Demozug brüllen sie: „Deutschland, erwache!“

- Einer schreibt ein Buch über „gekaufte Journalisten“. Wer hätte nicht schon einmal über einseitige Berichterstattung in den Medien geschimpft? Aber dieselbe Person unterstützt Pegida, spricht sich für Thilo Sarrazins Thesen aus und berät offensichtlich die AfD.

- Einer unterhält ein Journalismusportal und interviewt Leute, die wichtige Anliegen vertreten und für die sich viele interessieren, schon deshalb, weil sie sonst kaum jemand interviewt. Aber dieselbe Person ist einer der Wortführer der so genannten Montagsmahnwachen für den Frieden und hat unlängst den Politischen Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen als Feind der Friedensbewegung bezeichnet, genauso wie übrigens auch die linke Presse.

Und etwas, was vielleicht besonders schlimm ist, weil viele von uns mit dieser Phase der Geschichte Erinnerungen an den besten Teil ihres Lebens verbinden: Die Rote Armee wird nicht mehr kommen, um uns vom Faschismus zu befreien. Die Sowjetunion gibt es nicht mehr. Aber der Faschismus kommt wieder. Und von ihm befreien müssen wir uns selbst, jeden Tag: Natürlich, indem wir gegen Pegida auf die Straße gehen; aber auch, indem wir uns umfassend informieren, keinen vermeintlichen Autoritäten glauben, alles kritisch hinterfragen.

Hier, wo wir stehen, liegen die, die im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben gegeben haben. Ehren wir ihr Andenken, indem wir ihr Werk fortsetzen! Indem wir nie wieder zulassen, dass das Volk verdummt wird, dass es gegen andere aufgehetzt wird, dass es in einen Krieg geführt wird für Interessen, die niemals seine sein können! - Vielen Dank!

(Cornelia Mannewitz)