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Offizielle Jahresendrundmail des Rostocker Friedensbündnisses 2012

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, bisher haben wir unsere Jahresbilanz immer mit einem Blick auf die weltweite Kriegssituation begonnen. Langsam können wir uns das sparen. Wir sind mit unserer Region spätestens seit diesem Jahr mittendrin: MV ist im Zuge der Bundeswehrreform das Bundesland mit der höchsten Militärdichte geworden. Rostock ist jetzt „Heimathafen der Deutschen Marine“: Das Marinekommando, die neu geschaffene oberste Kommandobehörde der Marine, ist seit diesem Jahr hier ansässig. Die erste Korvette - auch für sie ist Rostock der Heimathafen - war vor dem Libanon unterwegs und hat an Bord libanesische Marinesoldaten ausgebildet. Das Eurofighter-Geschwader in Laage gibt seine Ausbildungsaufgaben für Piloten ab und wird Einsatzgeschwader. Und im Januar werden die ersten deutschen Patriot-Raketen-Staffeln an die syrische Grenze verlegt - sie kommen aus Sanitz und Bad Sülze.

Wir haben auf diese Entwicklungen aufmerksam gemacht. Gleichzeitig haben wir verfolgt, was an antifaschistischen Themen in der Stadt behandelt - oder eben nicht behandelt - wurde: Wir haben die Diskussionen um Konsequenzen aus dem NSU-Mord an Mehmet Turgut zum Teil live miterlebt - dass sie bisher zu nichts geführt haben, weiß jeder Rostocker; in anderen Städten sind die Gedenktafeln bereits aufgestellt und Straßenumbenennungen erfolgt. Unsere Mitglieder, die auch in der Initiative Ilja Ehrenburg aktiv sind, empfanden es als bezeichnend, wie schnell in der Debatte um den Namen Mehmet-Turgut-Weg das vermeintliche Argument der Schwierigkeiten mit dem Namen der Ilja-Ehrenburg-Straße auftauchte. Einiges haben wir in diesem Jahr zum ersten Mal erlebt: Eine Radiosendung des NDR zum 90. Jahrestag der Ansiedlung der Ernst-Heinkel-Flugzeugwerke in Rostock wurde ohne jeglichen Bezug auf das Interview ausgestrahlt, das aus diesem Anlass mit uns geführt worden war. Wir nehmen das als Zeichen dafür, dass unsere bekannt kritische Haltung gegenüber den heute in der Wirtschaft und Teilen der Stadtpolitik wieder gepflegten militaristischen Traditionen unbequem ist, und werden unsere Meinung in anderer Form veröffentlichen. Und etwas, was man aus anderen Städten bereits kennt, hat es dieses Jahr, zum Weltfriedenstag, erstmalig auch in Rostock gegeben: einen antideutschen Angriff auf eine linke Veranstaltung. Dazu werden wir im kommenden Jahr zur inhaltlichen Diskussion einladen.

Aber es gab auch Positives. Wir haben unsere Partnerschaften ausgebaut: Unser Ostermarsch fand diesmal in Zusammenarbeit mit dem Anti-Atom Bündnis NordOst statt. Auf dem Kastanienplatz hatten wir einen Stand beim Bündnis für einen kämpferischen Ersten Mai. Am Rostocker Transform-Tag im Juli konnten wir über den Militärstandort MV sprechen. Mitglieder von uns nahmen am antimilitaristischen Camp gegen das Gefechtsübungszentrum Heer in der Altmark teil. Im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche für militärfreie Bildung und Forschung besuchten wir Landtagsfraktionen. Zur zweiten umfairteilen-Aktion steuerten wir einen eigenen Flyer bei. Wir waren mit Musik und Informationen an einem Solidaritätskonzert für Palästina beteiligt. Es gab auch ein erstes Mal, das uns freut: dass wir mit Unterstützung der Newroz-Delegation 2012 in einer Rostocker Veranstaltung das Thema Kurdistan vorstellen konnten; an diesem Thema wollen wir auch weiterarbeiten. Außerdem erweiterten einzelne Mitglieder des Rostocker Friedensbündnisses auf Veranstaltungen wie dem Afghanistan-Friedenskongress der Friedensbewegung in Bonn und der Konferenz der War Resisters‘ International (WRI) gegen die Militarisierung der Jugend in Darmstadt ihre bundesweiten und internationalen Erfahrungen und konnten sich in die dort laufenden Diskussionen einbringen.
Ein Blick am Jahresende wie immer noch auf die friedenspolitische Filmlandschaft, nachdem wir uns über eine Rostocker Web-Serie zum Thema Afghanistan im Laufe des Jahres schon geäußert haben: Der deutsche Film ist entgegen allen optimistischen Voraussagen auf einem Tiefpunkt angelangt. „Schutzengel“ bricht auch noch mit den letzten guten Sitten. Ein Kriegsheimkehrer inszeniert sich als Rambo: Er behandelt beliebige gesellschaftliche Beziehungen wie mafiöse und verbreitet überall einen Kult von Kriegerehre und Waffengewalt. Sehr bedenklich auch die im Abspann zitierten Dankesbotschaften von Soldaten. Der Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller, einer der bekanntesten deutschen Schauspieler, soll einmal Kriegsdienstverweigerer gewesen sein. Jetzt arbeitet er für die Heimatfront. Pfui Teufel! Auch hier brauchen wir mehr Alternativen. 
Was tun? Dranbleiben. Kriegswerbung enttarnen. Protest erheben dagegen, dass sich die Stadt mit dem Label Heimathafen der Deutschen Marine schmückt. Der Rekrutierung für die Berufsarmee Bundeswehr entgegentreten: Bundeswehr an Schulen und Hochschulen wird für uns vermutlich ein Schwerpunkt des nächsten Jahres. Bundesweite und internationale Erfahrungen noch mehr nutzen. Unsere Aktiven in der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) werden intensive Arbeit leisten: Die DFG-VK braucht ein neues Programm. Vielleicht können wir auch ein altes Vorhaben, eine Diskussion über Linke und Bundeswehr, in diesem Jahr wieder aufgreifen. Ansonsten haben wir mit unserem Militärstandort zu tun - siehe oben.
Allein schaffen wir das aber nicht. Deshalb rufen wir Partnerinnen und Partner, Freundinnen und Freunde und alle, die es werden wollen, auf: Macht mit! Machen wir zusammen auch 2013 zu einem aktiven Jahr gegen Militarismus und Krieg, für eine zivile und friedliche Zukunft in Stadt und Region!
Allen dafür viel Kraft, Ideenreichtum und Standfestigkeit und natürlich auch persönlich ein gutes Jahr!