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Work in progress: Rostock im Fadenkreuz der Rüstungsindustrie

(erschienen in „Stadtgespräche“ Nr. 65/Dez. 2011 www.stadtgespraeche-rostock.de/ )  Und? Peng …? Nicht unbedingt. Rüstung in Rostock und Umgebung kommt eher auf leisen Sohlen und schmückt sich mit klangvollen Namen. Unser Obertitel versteht sich sowohl aus Situationsbeschreibung als auch als Ausblick – Fortsetzungen mögen folgen.

Rüstungsindustrie steht an der Wiege der Großstadt Rostock: Die Heinkel-Flugzeugwerke zogen Arbeitskräfte von überallher in diese Gegend. Nicht so friedlich gestaltete sich der erste massenhafte und mörderische Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen bei Heinkel einige Jahre später. Da waren die Heinkel-Werke bereits Nationalsozialistischer Musterbetrieb, hatten den Standardbomber der faschistischen Luftwaffe entwickelt und trumpften zum Ende des Krieges im Endsieg-Wahn noch einmal mit dem technisch unausgereiften „Volksjäger“ auf, für deren Piloten das Wort Crash-Kurs, wie man ihre Ausbildung wohl nennen könnte, nur zu oft Wirklichkeit wurde. Schnitt: Wende von den 90-er zu den nuller Jahren, die Gegend ist nun per kapitalistische Übernahme „im Frieden“ deindustrialisiert und sozial am Boden, man denkt in akademischen Kreisen über Forschungsschwerpunkte nach, die das Land MV noch einmal nach oben bringen können, da wird aus (konkretes Erlebnis:) bildungssprecherischem Munde einer großen konservativen Partei „Luft- und Raumfahrttechnik“ als einzige realistische Chance in den Raum geworfen.  
Zehn Jahre später ist das umgesetzt und man hat sich auch nicht gescheut, die faschistische Vergangenheit dafür auszunutzen: Der Heinkel-Ingenieur Hans Joachim Pabst von Ohain, einer der Erfinder des Strahltriebwerks, wurde zum Namensgeber für den zivilen Terminal des Flughafens Rostock-Laage auserwählt – „Ernst Heinkel“ konnte man ihn ja schlecht nennen. Aber mit den Traditionen dieses Flugzeugbaus warb man um Ansiedlung von High-Tech-Firmen.
Inzwischen hat man andere Wege der Popularisierung gefunden: Beispielsweise „Yuri‘s Night“, eine ganztägige Veranstaltung, die jetzt schon mehrmals in Rostock stattgefunden hat – laut Name in Erinnerung an die erste Erdumrundung durch Juri Gagarin und damit auch ostkompatibel, aber vor allem eine Erfindung des Space Generation Advisory Council (SGAC), eines internationalen Netzwerkes, das Studenten und junge Raumfahrtspezialisten mit Raumfahrtunternehmen und der Wissenschaft zusammenbringen will.
Wenn man sieht, wer die Rostocker „Yuri’s Night“ unterstützt, hat man schon einmal zwei große Unternehmen im Blick:
. EADS-RST Rostock System-Technik GmbH, die Rostocker Filiale von EADS Astrium. RST fertigt unter anderem Kabelbäume für Eurocopter-Hubschrauber und arbeitet an Notausstiegssystemen für die Testflüge des Militärtransportflugzeugs A400M. Es betreibt im Auftrag des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) Sea Gate, ein maritimes Galileo-Testfeld im Rostocker Hafen, zunächst eine zivile Anwendung, aber der Satellit Galileo ist seit 2008 von Europäischen Parlament auch für die militärische Nutzung zugelassen.
. OHB-System AG Bremen, das drittgrößte europäisches Raumfahrtunternehmen. Es produziert für das SAR-Lupe-Aufklärungssatellitensystem, das der Bundeswehr untersteht, und baut die ersten 14 voll operationsfähigen Galileo-Satelliten. Der Vorstandsvorsitzende trat 2010 (10 Jahre deutsche Einheit) bei einer Gesprächsrunde von Partnerstädte-Vertretern in Rostock zum Thema „Bremen trifft Rostock – zwei Hansestädte meistern den Wandel“ auf. Aktuell verlangt das Unternehmen von der Universität Bremen für die Finanzierung einer Stiftungsprofessur im Gegenzug die Änderung ihrer Zivilklausel, die Rüstungsforschung ausschließt.
Mit diesen Unternehmen wird das Profil geprägt. Unternehmen wurden schon einmal danach beurteilt, wie gut sie den EADS-Kriterien entsprechen könnten. Einige haben diesen Test bestanden. Die einschlägigen Unternehmen in der Nachbarschaft, im Technologiepark Warnemünde, auf jeden Fall, zum Beispiel:  
. AEROTEC Engineering GmbH mit einem Rahmenvertrag mit Airbus Deutschland 2004, das Unternehmen ist damit europaweit der einzige Key Supplier in zwei Bereichen sind. Neben Luft- und Raumfahrt hat es eine Sparte Defence: Internet - Überwachung, Erkennung, Schutz von Datenübertragungen; Schlachtfeld-Operationen - Netzaufbau, gemeinsame Streitkräfte und NATO-Interoperabilität; Gebietsschutz - Grenz- und Luftraum-Sicherheit, Videoüberwachung von öffentlichen Plätzen
. luratec AG – hat sich sehr „herausgemacht“! Vor ein paar Jahren nur profiliert als Produzent von leichten Faserverbundwerkstoffen, die generell in der Flugzeugtechnik begehrt sind; heute ein Unternehmen, das sich explizit zur „Verteidigungstechnik“ bekennt und neben der Serienproduktion gern individuelle Sonderanfertigungen sowie Prototypen anbietet, wobei sich seine Werkstoffe auch noch mit einer geringeren Radarsignatur bewähren. Hat einen NATO-CAGE-Code, der es weltweit als Rüstungszulieferer identifiziert.

. MIZ SERVICES MBH & CO. KG – am Standort Flugzeugbauteile, aber auch mit Erfahrungen als Ausrüster für die Marine

Rostock ist aber offenbar auch für andere Rüstungsfirmen zumindest ein Ort, wo man vertreten sein sollte:
. Diehl Aerospace GmbH – produziert u.a. Lenkflugkörper wie (in Zusammenarbeit dem schwedischen Unternehmen Saab Bofors Dynamics) RBS 15 Mk , die Hauptbewaffnung für die Korvetten K130 der deutschen Marine, die im September 2011 symbolisch an die Korvette „Braunschweig“ übergeben wurde. Diehl hat erst ein Entwicklungszentrum hier, expandiert aber. Entwickelt wird eine Türsteuerung für den Airbus 380. Die Synergien mit EADS-RST dürften zahlreich sein.
. Rheinmetall AG, das achtgrößte europäische Rüstungsunternehmen (vor allem mit Panzern), unterhält in Rostock eine Niederlassung mit seiner GmbH Technical Publications. Webseite: „Die Rheinmetall Technical Publications GmbH ist mit ihrer über 40-jährigen Erfahrung Ihr Partner im Life Cycle ihrer zivilen und militärischen Produkte. Unsere Leistungen erstrecken sich über logistische Analysen und Konzepte hin zu beschreibender Technischer Dokumentation und Ersatzteilkatalogen für Bedienung, Wartung und Instandsetzung nach nationalen und internationalen Standards.“ Rheinmetall Technical Publications GmbH ist als zum Unternehmensbereich Defence gehörig ausgewiesen.
. Rücker Aerospace GmbH, eines der weltweit führenden technologischen Entwicklungsunternehmen mit Leistungen für namhafte Hersteller, Zulieferer und technische Betriebe der internationalen Luftfahrtindustrie. Rostock ist einer von fünf Standorten in Deutschland. „Alle diese Niederlassungen befinden sich stets in unmittelbarer Nähe der größten Kunden“, wie das Unternehmen wissen lässt.
. Thales Information Systems GmbH - folgte 2004 dem Marineamt nach Rostock. Marktführer in Elektronik- und IT-Dienstleistungen für Luftfahrt und Marine. Besonders firm in Dual-Use-Technologien.
. ThyssenKrupp, allerdings „nur“ ThyssenKrupp Schulte - Beratung in Werkstoffen und werkstoffnahen Dienstleistungen, innerbetriebliche Logistik, Instandhaltung und Anlagentechnik, Industriemontagen, Produktionsunterstützung, Standortservice und technische Reinigung.
Und schließlich kommen auch noch hin und wieder alte Gespenster vorbei: Dornier mit Dornier Seawings auf einem Seefliegertreffen in Warnemünde zur Hanse Sail. Das ist ein Rest von Dornier, dem zweiten großen Flugzeugproduzenten in Mecklenburg zur Nazizeit. Was sonst von ihm übrig war, steckt zusammen mit den Resten von Heinkel in EADS.
Außerdem gibt es viele kleine Supplier auf verschiedenen Gebieten: Die Berufsfortbildungswerk GmbH (bwf) mit Aus- und Weiterbildung zum Fluggerätemechaniker; die Steeger & Gross GmbH für Weiterbildung in Personalentwicklung, Vertriebsberatung, Luftfahrtenglisch. „Hanse-Aerospace“ ist ihr Netzwerk. Sie veranstaltet jährlich in Warnemünde eine Herbstregatta. „Mit dabei waren“ laut Pressemitteilung „insgesamt 17 Teams von Airbus (Hamburg und Bremen), Rolls Royce, Safran, Metrica, Formtech, der Deutschen Flugsicherung, dem Hanse-Aerospace-Wirtschaftsdienst und zahlreiche Einzelsegler in vor Ort zusammengestellten Crews“. Socialising also und gute Stimmung. Die wird dann auch von Förderverein Luft- und Raumfahrt und von der dessen PR-Arbeit offenbar nicht ungern unterstützenden Societät maritim unterhalten.
Ach ja, die Flugsicherung. Aber vorher noch eine Überlegung zur Zusammenarbeit mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Gerade läuft im Landtag eine Kleine Anfrage über Kooperationsvereinbarungen und Drittmittelverträge. Anlass ist die Zivilklausel der Uni Rostock, die hat nämlich auch eine, neu in der Grundordnung. Beim letzten Mal wusste das Bildungsministerium auf eine ähnliche Anfrage nichts zu sagen. Man wird sehen, ob es Neues gibt - bei den langjährigen Abmachungen, die beispielsweise mit dem DLR existieren. Ganz zu schweigen von dem Material, das ganz einfach schon entwickelt und produziert ist und im Land herumliegt: die ersten Patriot-Raketen im Osten; das Eurofighter-Trainingszentrum in Laage; die Korvetten – das Wichtige bleibt uns auch nach der Bundeswehrreform erhalten. In Laage testen inzwischen Bundeswehr (ihr Amt für Flugsicherung und das Eurofighter-Jagdgeschwader „Steinhoff“) und die Deutsche Flugsicherung den automatischen Austausch von Flugplandaten mit der Kontrollzentrale Bremen. Das zivile Flugsicherungssystem FL@PS wird damit zum ersten Mal auf einem militärischen Tower eingesetzt. Zivil-militärische Zusammenarbeit, Frieden im Krieg.
Cornelia Mannewitz