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Mauerfall? Welcher Mauerfall? - Gedanken zum 9. November

In diesen Tagen, in denen der Fall einer Mauer vor zwanzig Jahren gefeiert werden soll [1], ruft die Palestinian Grassroots Anti-Apartheid Wall Campaign (palästinensische Kampagne gegen die Apartheidmauer) für den 9.-16. November zu einer Woche gegen eine real existierende Mauer auf. Diese Woche wird bereits zum siebenten Mal ausgerufen. Protestiert wird gegen die von Israel auf palästinensischem Gebiet errichtete Mauer im Westjordanland und die Sperranlagen um den Gazastreifen. Die Mauer-Politik in den palästinensischen Gebieten ist ein Haupthindernis auf dem Weg zu Frieden im Nahen Osten: Sie hält die palästinensische Bevölkerung in wirtschaftlicher Abhängigkeit, beschneidet in entwürdigender Weise ihre Bewegungsfreiheit und nimmt ihr die Möglichkeit, auf zusammenhängendem Territorium eine eigene Staatlichkeit zu entwickeln. Die Mobilisierung erfolgt weltweit; Näheres unter [2], [3].

 
Das Rostocker Friedensbündnis hatte im Übrigen im November 2006 den Koordinator dieser Organisation für das Jordantal zu Gast, gleichzeitig mit einem jungen israelischen Kriegsdienstverweigerer von der Organisation New Profile.
 
Am 10. und 11. November treffen sich 18 Friedensnobelpreisträger zu ihrem jährlichen Weltgipfel, diesmal in Berlin, unter dem Motto >Neue Mauerrn niederreißen und Brücken bauen, um eine gewaltfreie Welt mit Respekt vor Menschenrechten zu schaffen<. 26 Staats- und Regierungschefs kommen nach Berlin, um am Brandenburger Tor Musik von Beethoven und Bon Jovi zu hören. Sie sollten sich besser am Checkpoint in Rafah, an der hochgerüsteten Grenze zwischen Mexiko und den USA mit inzwischen bis zu 500 Toten jährlich oder auf einem Flüchtlingsboot im Mittelmeer treffen - die Berliner >Mauer< 2009 verlangt kein Bekenntnis.
 
Ein Bekenntnis hat jedenfalls die Bundesrepublik Deutschland abgelegt: Sie gehört zu den Staaten, die am 6.11. in der UN-Vollversammlung gegen eine Resolution gestimmt haben, die nach der israelischen Gaza-Offensive der Jahreswende 2008/2009 beide Seiten zur Aufklärung ihrer Kriegsverbrechen auffordert. Die Bundesrepublik heizt auch in diesen Tagen den Nahostkonflikt weiter an: Israel ersucht sie um die Lieferung von Korvetten K-130, den derzeit aggressivsten Kriegsschiffen der NATO und dem Stolz ihres Heimatstützpunktes Rostock-Hohe Düne, die Bundesrepublik bekommt von Israel Drohnen für ihre eigenen militärischen Großmachtambitionen in Afghanistan. Zur selben Zeit werden zu Hause Montagsdemonstrationen nachinszeniert und über 1000 meterhohe symbolische >Mauer<-Dominosteine, die man zu einem Großteil von Schülern hat bemalen lassen, mit einem Fingertipp zu Fall gebracht (>Mach Geschichte mit Dominoeffekt<, so das Motto) - angesichts der Verwüstungen, die reale Mauern und die bundesdeutsche Politik anrichten, wirken solche Spiele nichts weiter als obszön. 
 
Ästhetische Sublimierungen helfen nicht. Wirtschaftliche Interessen, geostrategisches Kalkül und Machtverteilungskämpfe bringen an einem Ort Mauern zu Fall und bauen sie an einem anderen auf. Der Fall der Berliner Mauer beendete den Kalten Krieg, befestigte die Bundesrepublik in ihrer politischen Konzeption und öffnete die Türen für die kalte Aneignung der DDR und die heißen Kriege der neuen Großmacht Deutschland. Die Fortexistenz der Berliner Mauer in Form von wirtschaftlicher Ungleichheit, sozialen Verwerfungen und Deformation des Geschichtsbewusstseins durch die Mainstream-Ideologie ist zwanzig Jahre nach 1989 so sichtbar wie eh und je. In Festivitäten Freiheitsgewinne durch ihren Fall zu beschwören ist ebenso unredlich, wie von den Mauern anderswo auf der Welt und denen, denen sie nützen, zu schweigen.
 
[1] Sogar in Singapur feiern Goethe-Institut und Deutsche Botschaft, mit der Enthüllung von Original-Betonteilen aus dem >hippen, coolen Berlin< (O-Ton Veranstalter) als Dauerleihgaben für den dortigen Bedok Reservoir Park.
 
P.S.: Und dann war da noch … http://www.youtube.com/watch?v=9xh4ouc8Lac