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Massaker in Afghanistan

Stand: 2.10.2009 - 11:00 Uhr
- wird bei Bedarf fortlaufend aktualisiert -

 
Am 4.9.2009 starben in Folge eines von der Bundeswehr angeforderten Luftangriffs Dutzende von Menschen in der afghanischen Provinz Kundus.

 

Ergänzung I (11. September 2009)

Nur eine Woche nach dem Massaker nutzt die Bundeswehr einem Bericht der Tageszeitung junge Welt zu Folge den Luftangriff in zynischer Manier zur Rechtfertigung der Forderung nach einer Aufstockung des Kontingents: Mehr Soldaten! heißt die Parole der Stunde. Im Einklang mit der US-Administration unter Obama.
 
Es ist ein offenes Geheimnis: Nach den Bundestagswahlen soll das Mandat der Bundeswehr erweitert werden. Die Friedensbewegung hingegen steht vor der Aufgabe die weit verbreitete Ablehnung des Einsatzes in der Bevölkerung politisch zu organisieren, um die Pläne zur Ausweitung des Krieges zu verhindern und den Abzug durchzusetzen.
 
Ergänzung II (14. September 2009):
 
In der britischen Tageszeitung The Guardian kommen Angehörigen der Opfer des Luftangriffs zu Wort und berichten über ihre Sicht der Ereignisse in der Nacht auf den 4. September und den Schmerz um ihre getöteten Freunde und Verwandten.
 
Ergänzung III (2.Oktober 2009)

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums, so verschiedene Zeitungen der letzten Tage in Randnotizen, seien Ende September pro Getötetem 2.000,- und pro Verletztem 1000,- EUR "Entschädigung" an Angehörige der Opfer des Luftangriffes vom 4.9.2009 ausgezahlt worden.

- ohne Kommentar -
 
 
1. Überblick - was deutschen und internationalen Medien zu entnehmen ist

Seit dem Wochende tobt in den Medien eine Schlacht um die Deutung der Ereignisse. Einen Überblick über die verschiedenen Verlautbarungen der Militärs, Politiker und Medien gibt eine Chronologie der Frankfurter Rundschau. Auch der SPIEGEL-ONLINE hat unter dem Titel "Viele Opfer, viele Fragen" eine Chronologie und Fakten in einem Dossier zusammengestellt.
 
Es fällt auch uns schwer, im Gewirr der Berichte und Meinungsbekundungen von Wahlkämpfern den Überblick und Blick für das Wesentliche zu behalten. Wir meinen jedoch: Die von allen Seiten unbestrittenen Fakten reichen aus, um den Luftangriff als Massaker zu bezeichnen. Im Folgenden fassen wir deshalb zur Orientierung zusammen, was unbestritten und übereinstimmend deutschen und internationalen Medien zu entnehmen ist:
 
Am Donnerstagabend (3.9.2009) sollen zwei Tanklastwagen an einer fingierten Straßensperre am "Highway 1" im Raum Kundus entführt worden sein. Als Entführer werden in den Medien wahlweise "Taliban" oder "Aufständische" angeführt. Die entführten LKW hätten Treibstoff (Diesel) für die ISAF aus Tadshikistan nach Kabul transportiert. Nach dem Abweichen von ihrem Kurs seien die LKW durch einen amerikanischen B1-B-Bomber lokalisiert worden, als sie sich beim Versuch des Überquerens des Flusses Kundus nahe der Ortschaft Omarkhel an der Grenze zwischen den Distrikten Aliabad und Chahar Darreh festgefahren hätten. Hier sei auch mindestens einer der Fahrer der LKW durch Enthauptung getötet worden. Durch den für den Distrikt im Rahmen der ISAF-Kommandohierarchie als Kommandeur des Provincial Reconstruction Teams (PRT) Kundus zuständigen deutschen Oberst Georg Klein sei ein Luftangriff angefordert worden. Dieser Luftangriff erfolgte gegen 1:50 Uhr am Freitag durch zwei US-amerikanische F-15-Kampfflugzeuge mit zwei GBU-38 (500-Pfund-Bomben). Der genaue zeitliche Ablauf mit Ausnahme des Zeitpunkts des Luftangriffs ist strittig.
 
Videoaufnahmen vom Schauplatz des Luftangriffs zeigen zerstörte Tanklastwagen, Kanister und einen Traktor. Angaben zur Zahl der Getöten gehen mit 50 (Bundeswehr) und 150 (afghanische Quellen, die als den Taliban nahestehend bezeichnet werden) weit auseinander. Ein NATO-Untersuchungsteam schätzt die Zahl der Getöteten Angaben eines viel zitierten Beitrags der Washington Post [1] zufolge auf 125. Um das Verhältnis von Zivilisten und "Taliban" (wahlweise "Bewaffnete" oder "Aufständische") unter den Getöteten ist eine propagandistische Auseinandersetzung entstanden.
Unstrittig: In den umliegenden Krankenhäusern werden dutzende Verletzte mit z.T. schwersten Brandverletzungen behandelt. Darunter auch Kinder.
 
 
Materialien:
  • Ort des Luftangriffs, markiert mit A, auf einer Google-Earth-Darstellung.
    Östlich der "Highway 1"; nördlich die Stadt Kundus (Qonduz), Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und Standort der Bundeswehr; umliegend kleinere Ortschaften und Ackerland.
  • Pressemitteilung der Bundeswehr vom Freitag (4.9.2009) mit dem Titel "Erfolgreicher Einsatz gegen Aufständische im Raum Kunduz".
    Screenshot
 

2. Reaktionen aus der Friedensbewegung

 

3. Aktuelle Analysen zur Situation in Afghanistan