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Ilja Ehrenburg (Artikel in "FriedensForum" 5/2011)

Der sowjetische Delegierte, der da im langen Mantel und mit wehenden Haaren, Pfeife im Mundwinkel, immer umflattert von Zeitungsblättern, nach rechts und links grüßend und in mehreren Sprachen parlierend, über das „diplomatische Parkett“ der internationalen Friedenskongresse der vierziger und fünfziger Jahre schritt, war der Schriftsteller und Publizist Ilja Ehrenburg (1891-1967). In dieser Zeit schrieb er keine großen Romane mehr. Er war weltberühmt und hatte sich seine Autorität als Botschafter des Friedens für sein Land in den Jahren des zurückliegenden Krieges verdient wie kein anderer.  

Schon im Ersten Weltkrieg war er Kriegsberichterstatter war er gewesen. Wegen seiner revolutionären antizaristischen Aktivitäten als Gymnasiast nach Frankreich emigriert, schrieb er zum Broterwerb für verschiedene liberale Zeitungen. Wissen aus dieser Zeit verarbeitete er aber auch in den Werken, für die er Jahrzehnte später alle seine journalistische Gabe, seine schriftstellerischen Fähigkeiten, seine dichterische Kraft und seine Lebensenergie in die Waagschale warf: seine Korrespondenzen und  Flugblätter aus der vom faschistischen Deutschland überfallenen Sowjetunion 1941-1945. In dieser Zeit schrieb er unermüdlich, mit scharfer Feder, aber nie ohne gründliche Recherche, täglich, oft mehrmals, für das In- und Ausland - insgesamt mindestens 1700 Texte.
Was Ehrenburg antrieb, war sein Wissen um die Natur und die politischen Absichten des Faschismus. Er hatte die deutsche Unterstützung für Franco im Spanischen Bürgerkrieg ebenso wie die Besetzung Frankreichs vor Ort miterlebt, publizistisch angeprangert und in Gedichten und in seinem Roman „Der Fall von Paris“ (1941) literarisch verarbeitet. Gegen den Faschismus hatte er Schriftstellerkongresse zur Verteidigung der Kultur mitorganisiert. Frieden war für ihn Zerschlagung des Faschismus. Politischen Winkelzügen war er in dieser Frage nicht zugänglich. Den Hitler-Stalin-Pakt unterstützte er nie. Seine Unversöhnlichkeit bezahlte er mit Drohungen und Publikationsverboten. In der übrigen Zeit schrieb er: über die faschistische Ideologie, die Psychogramme der Nazigrößen, ihre politischen Karrieren, über den Krieg in Europa und immer wieder über die Verbrechen an der sowjetischen Bevölkerung, ihren Widerstand und ihre Erfolge. Die Frontsoldaten rissen sich um seine Artikel, das Reichssicherheitshauptamt führte ihn in seiner Fahndungsliste und die faschistische Propaganda fälschte seine Texte und baute den Intellektuellen, Kommunisten und Juden Ehrenburg zum Feindbild auf. Zusammen mit Wassili Grossman redigierte er „Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden“ (deutsch vollständig 1994), eine Dokumentation dieses schrecklichsten Kapitels des faschistischen Vernichtungskrieges. Seine Arbeit half siegen, aber über den Sieg schrieb er in den ersten Friedenstagen: „Er kam mir entgegen. Und wir erkannten einander nicht.“ Mit der Intuition des Dichters hatte er den Kalten Krieg vorausgeahnt.
Umso notwendiger mag es ihm erschienen sein, politisch aktiv zu bleiben. Er war Deputierter des Obersten Sowjets für die multiethnische baltische Region Lettgallen, engagiert in der Gesellschaft UdSSR-Frankreich, als letztes prominentes Mitglied des Jüdischen Antifaschistischen Komitees der Sowjetunion Ansprechpartner für die Forderungen und Nöte der sowjetischen Juden, ein Streiter für die Rehabilitierung von Opfern des stalinistischen Terrors und ein Förderer junger Dichter. Er nahm am Kongress der Intellektuellen 1948 in Wrocław teil, an den kürzlich anlässlich einer Manifestation des Europäischen Gewerkschaftsbundes im September 2011 ebendort wieder erinnert wurde. Er wurde Vizepräsident des Weltfriedensrates und initiierte den weltweit millionenfach unterzeichneten Stockholmer Appell zur Ächtung der Atomwaffe und zum Verbot ihres Ersteinsatzes mit. Dafür ertrug er den Vorwurf mehrerer ihm persönlich bekannter Intellektueller weltweit, sich für sowjetische Großmachtpolitik instrumentalisieren zu lassen. Auch auf dem Gründungskongress des Weltfriedensrates, in einer Rede, die er, gerade in dieser brisanten Zeit, in unpersönlicher Funktionärssprache hätte halten können, fand er die eindringlichen Worte eines Schriftstellers und Dichterkollegen: „Tschechow hat einmal gesagt, dass, wenn im ersten Akt eines Stückes ein Gewehr an der Wand hängt, im letzten Akt jemand es abfeuern wird.“ Er zitierte kriegslüsterne Politiker und Wirtschaftsvertreter des Westens, rief zum friedlichen Wettstreit der Systeme auf und mahnte zu einer Erziehung in Respekt vor anderen Rassen und Nationen. Sein Vorschlag war, Kriegspropaganda als schwerstes Verbrechen gegen die Menschheit zu ahnden – ein Vorschlag, den man sich 2011 wieder wünscht.
Dr. habil. Cornelia Mannewitz ist Slawistin und Mitglied der Initiative Ilja Ehrenburg: http://www.rostocker-friedensbuendnis.de/initiative-ilja-ehrenburg
[Artikel von Cornelia Mannewitz, erschienen in „FriedensForum“ 5/2011: