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Staatsoberhaupt des drittgrößten Rüstungsexporteurs eröffnet das neue Studienjahr in Rostock

Auf der Feier für die neu eingeschriebenen Studierenden der Universität Rostock am Sonnabend, dem 15. Oktober 2011, hält Bundespräsident Christian Wulff den Festvortrag. Die Erstsemester, die teilnehmen, mussten sich online bei der Universität anmelden. Ihre Personaldaten wurden vom Bundeskriminalamt überprüft. Ihre Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde sind erst gar nicht zugelassen. Sie sollen die Feier per Live-Übertragung im Kino „Capitol“ verfolgen.

 
Während auf diese Weise ein ganzer Studierendenjahrgang unter Generalverdacht gestellt wird, lohnt es sich, zu fragen, worüber der Bundespräsident sprechen wird. Auf dem Gelöbnis zur Vereidigung der ersten Freiwilligen für die Bundeswehr am 20. Juli 2011 sagte er Folgendes: „Was sich aber auch nicht ändern darf, ist der Geist, in dem wir als Bürger der Bundeswehr gegenübertreten. Die Bundeswehr gehört in unsere Mitte, in unsere Schulen und Hochschulen, auf öffentliche Plätze. Ihre Freiwilligkeit darf nicht zu Gleichgültigkeit in der Gesellschaft führen. Hier mache ich mir durchaus Sorgen, die hoffentlich unberechtigt sind.“
 
Die Studierenden sollten ihn fragen, wie er sich die Bundeswehr an der Hochschule vorstellt. Als Dozenten mit Planspielen, bei denen die Teilnehmer lernen, wie praktisch es ist, internationale Konflikte militärisch zu lösen? Als Sponsor für Technikwettbewerbe? Als Auftraggeber für Rüstungsforschung? Alles das „leistet“ die Bundeswehr schon jetzt. Vom Staat unzureichend finanzierte Bildungs- und Forschungseinrichtungen greifen auch nach Geld aus dem Bundesverteidigungsministerium. An der Rostocker Universität wird wehrmedizinische Forschung betrieben. Das kam durch eine Kleine Anfrage im Bundestag ans Licht. Seit Ende 2010 erfährt man dazu gar nichts mehr – die entsprechenden Auskünfte stehen unter Geheimschutz. Aber man muss sich nur umsehen in der Region: EADS-RST Rostock baute mit am Militärtransportflugzeug A400M, es betreibt ein maritimes Galileo-Testfeld im Rostocker Hafen, weitere Rüstungsunternehmen sind im Land angesiedelt. Zu welchem Zweck erforschen die Wissenschaftler der Warnemünder Robbenstation die Unterwasserorientierung von Seehunden? In welcher Verbindung steht die Satellitenstation Neustrelitz des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt mit der von der BRD unterstützten Luftaufklärung, die die Bomben der NATO auf Libyen in ihre Ziele gelenkt hat?
 
Bundespräsident Wulff lobt die Bundeswehr auch auf anderen Gebieten: als Musterbeispiel für die Integration von Frauen, als Gegenstand seines Stolzes vor Staatsgästen, als Soldaten im Einsatz, zum Beispiel im militärisch längst verlorenen Krieg in Afghanistan. Die Bundeswehr, die greift immer mehr nach den Köpfen. Drei Gewinner des Wettbewerbs „Jugend forscht“ 2011 haben als Auszeichnung von der Bundeswehr Stipendien für ein Studium an einer der Universitäten der Bundeswehr bekommen. Bundespräsident Wulff, der sie kurz zuvor beglückwünscht hatte, hat dagegen nichts getan.         
 
Vor Monaten wurde wenige Schritte von der Rostocker Marienkirche entfernt ein Großer Zapfenstreich der Bundeswehr von Friedensaktivisten erfolgreich gestört. Studierende und Mitarbeiter der Universität sollten täglich ihre kritischen Fragen stellen. Hunger, Umweltzerstörung und soziale Ungerechtigkeit sind Probleme, zu deren Lösung die Wissenschaft aufgerufen ist. Ihre Aufgabe ist es nicht, Werkzeuge für Kriege und globale Großmachtpolitik zu liefern.    
 
Ob im Kino oder in der Kirche: Studentinnen und Studenten, die in den kommenden Jahren Mitverantwortung für Lehre und Forschung an der Universität übernehmen werden, brauchen an ihrem Immatrikulationstag andere Festredner!
 
linksjugend ['solid] Rostock
Rostocker Friedensbündnis