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>Willkommen in Palästina<: Tagebuch

Ich bin der Einladung des deutschen Kooperationskreises Palästina Israel (KOPI) gefolgt. Es geht um eine gewaltlose und Friedensaktion „Willkommen in Palästina“ vom 08. bis 16.07.2011. Mein Tagebuch:

Freitag, den 08.07.2011:
Ankunft im Flughafen Tel Aviv ca. 15 Uhr Ortszeit. Die Anwesenheit des Militärs und der Sicherheitskräfte war beträchtlich. Ich bin mit meinem Musikinstrument (die arabische Laute) und meinem Rucksack zur Passkontrolle gegangen. Die Grenzbeamtin stellte mir folgende Fragen, worauf ich diese wie folgt beantwortete:
-         Beamtin: Wohin wollen Sie?
-         Ich: Palästinenser besuchen.
-         Beamtin: Wo?
-         Ich: In der Westbank.
-         Beamtin: Wollen Sie dort demonstrieren?
-         Ich: Nein.
-         Beamtin: Kennen Sie dort bestimmte Leute?
-         Ich: Nein.
-         Beamtin: Wie wollen Sie dort leben?
-         Ich: Ich werde von draußen wartenden Leuten abgeholt.
-         Beamtin: Ist das eine organisierte Aktion?
-         Ich: Ja, von einer palästinensischen und israelischen Friedensorganisation.
-         Beamtin: Warten Sie hier, Sie werden gleich abgeholt.
 
Der Reisepass wurde einbehalten. Eine viertel Stunde später wurde ich durch zwei Grenzbeamte zu einem Raum der Abfertigungshalle geführt, wo ca. 50-60 Personen unterschiedlicher Altersgruppen saßen, meistens französisch sprechende Menschen. Dort warteten wir bis 17:30 Uhr. Dann hat man mich mit 6 Bürger/innen aus Frankreich und Belgien durch den Flughafen geführt. Ich fragte einen arabisch sprechenden Offizier, wohin wir gehen. Er antwortete auf Arabisch: „Zum Flugzeug in Richtung Zürich.“ Ich erwiderte, dass ich aus Berlin gekommen bin. Dann sagte er: „Du bist in dieser Gruppe falsch gelandet.“
Zwei junge Männer namens Nadjar und Tarik aus Belgien verweigerten sich dem Weitergang zum Flugzeug. Hier wurden die beiden mit Gewalt durch die Sicherheitskräfte zu Boden gebracht. In diesem Moment kam eine Schar von bewaffneten Soldaten (ca. 30) auf uns zu und kreiste uns ein, damit keine anderen Passagiere etwas davon mitbekommen sollten.
 
Ich sagte dem Offizier in Arabisch, dass ein solcher Gewalteinsatz dem Ruf seines Staates schaden würde und dass sie davon ablassen sollten. Die Grenzbeamten telefonierten mit der Einsatzzentrale. Sie sprachen auf Hebräisch sehr laut und waren aufgeregt und unorganisiert. Kurz darauf wurde die Gewaltaktion beendet. Nadjar und Tarik standen wieder auf. Es herrschte eine sehr unangenehme und Angst hervorrufende Atmosphäre. Wir wurden zu einem anderen großen Raum in der Abfertigungshalle geführt, wo ca. 60 Personen unterschiedlicher Altersgruppen warteten, aber nicht die gleichen, mit ihnen ich im anderen Raum gesessen hatte. Auf Anfragen, warum wir hier festgehalten werden und was sie mit uns machen wollen, bekamen wir keine Antwort.
 
Um 18:00 Uhr wurde eine junge Frau, die Kopftuch trug, von 2 Polizisten umgerammt, fiel zu Boden und anschließend wurde sie in einen Raum gezerrt. Wir konnten nicht helfen, da die Sicherheitsbeamten in der Überzahl waren.
 
Um 19:30 Uhr wurde ich mit noch anderen 9 Personen zu einem Gefangenentransporter abgeführt und zu einem Abschiebegefängnis namens Giwon bei Ramle gefahren. Die Fahrt dort hin hat ca. eine halbe Stunde gedauert. Als wir dort ankamen, ließ man uns ca. eine halbe Stunde im Transporter sitzen. Um 20:30 Uhr wurden wir gründlich durchsucht, uns wurden alle Sachen abgenommen und anschließend wurden wir in eine Zelle zu zehnt gebracht. Die anderen fünf Zellen waren noch leer, als wir in unsere Zelle eingewiesen wurden.
 
In der Zelle (5,30 x 5,30 Meter) waren 5 doppelstöckige Betten, ein Sanitärraum, eine Spüle und drei Luftventilatoren, ohne die der Raum sehr warm und stickig gewesen wäre. Ich hatte keine Wäsche als Reserve außer der, die ich am Leibe trug. Mein Musikinstrument und der Inhalt meines Rücksacks wurden als Asservate einbehalten. Meine Rheumaspritze, die ich wöchentlich nehmen muss, blieb in meinem Koffer im Flughafen. Die Kulturtasche samt Rasierer, Zahnbürste etc blieben auch im Koffer. Meine Bitten, mir meine Spritze zu bringen, blieben unberücksichtigt.
 
Ein Kasten voller Weißbrot wurde in die Zelle gebracht. Das Brot sollte für mehrere Tage reichen. Da nach einigen Tagen die äußere Kruste sehr trocken wurde, aßen wir das Innere.
 
In der Gruppe war ich der einzige aus Deutschland, die anderen 9 Personen stammten aus Frankreich, Belgien und Holland. Sie sprachen Französisch. Khalid, ein Marokkaner aus Holland, war mein Dolmetscher für Arabisch, da mein Englisch beschränkt ist.
 
Am gleichen Abend wurde uns gesagt, dass wir am nächsten Tag (Samstag) abgeschoben würden und dass wir nur für eine einzige Übernachtung hier wären. Wir baten die Haftbediensteten um telefonische Kontakte mit unseren Familien, worauf sie uns versicherten, dass dies am nächsten Tag geschehe. Das ist leider nicht geschehen.
 
Samstag, den 09.07.2011:
Für die Israelis ist dieses Datum von besonderer Bedeutung. Am 09.07.2004 verurteilte das internationale Gericht in Den Haag die Mauererrichtung und den israelischen Umgang mit der palästinensischen Bevölkerung. Mit unserer Friedensmission wollten wir die Weltöffentlichkeit darauf aufmerksam machen.
 
Der provokative Besuch der Haftmitarbeiter/innen um 07:00 Uhr zum Zwecke der Zählung der Insassen und zur Kontrolle des Sanitärraums. Zum Frühstück brachten sie uns zehn rote Paprika und ebenfalls zehn kleine Joghurtdosen. Wir bekamen auch Zahnbürsten, Zahnpaste, Seife, Becher, Besteck und Serviertabletts für das Essen.
 
Die Vertretungen der Konsulate der Länder, aus denen wir stammen, sind gekommen. Ich und zwei Aktivistinnen aus Köln und Berlin trafen uns um 11:30 Uhr mit der Vertreterin des deutschen Konsulats.
Wir haben ihr folgende Punkte mitgeteilt:
-         Uns den Grund unserer Verhaftung mitzuteilen,
-         Uns Kontakt mit unseren Familien zu ermöglichen,
-         Wir haben uns bereit erklärt, freiwillig aus Israel auszureisen, ohne eine schriftliche Erklärung zu unterschreiben.
Nach Absprache mit dem Haftdirektor waren er und die Mitarbeiterin so verblieben, dass unsere Forderungen erfüllt werden, was nicht geschah.
 
Ich habe mich danach mit dem palästinensischen Anwalt „Oudeh“ getroffen, der mir von jeglicher Unterzeichnung eines in hebräischer Sprache verfassten Dokuments abriet. Die Israelis hatten die Dokumente hauptsächlich in hebräischer Sprache verfasst.
 
Um 21:00 Uhr kam ein Wärter in unsere Zelle und fragte mich nach meinem Alter, worüber ich mich wunderte. Dann ließ man uns zum Innenhof hinausgehen. Es wurde über eine Initiative der israelischen Regierung berichtet, dass diejenigen (Männer und Frauen), die über 55 Jahre alt sind, den nächsten Tag (Sonntag) in Ramallah verbringen dürfen und anschließend am nachfolgenden Tag abgeschoben werden. Dies betraf nicht die unter 55-Jährigen.
Diese Initiative haben wir einstimmig abgelehnt. Unsere Forderung war: „Alle oder gar keiner.“
 
Wir, die Zelleninsassen, sangen arabische Lieder und machten musikalische Stimmung, was für die Haftmitarbeiter/innen Krach war. Ich habe meine Unterwäsche per Hand gewaschen.
 
Sonntag, den 10.07.2011:
Die Atmosphäre in der Haft ist sehr nervös. Die Mitarbeiter/innen sind unruhig, ihre Zahl hat sich erhöht. Ein psychischer Druck wird auf uns ausgeübt. Schikanen sind an der Tagesordnung. 3 Mal pro Tag findet eine Zählung der Insassen in der Zelle (um 06:00, 06:30 und 07:00 Uhr) und Durchsuchung der Zelle statt. Kurz danach wurde der Strom abgeschaltet. Wir hatten um 10:30 Uhr Ausgang zum Innenhof, wo wir über Kundgebungen in einigen Städten der Westbank zur Solidarität mit den Friedensaktivisten und zum Den-Haag-Urteil informiert wurden.
 
Ich hatte um 12:00 Uhr ein ausführliches Gespräch mit dem Anwalt von der palästinensischen Menschenrechtsorganisation Al-Dhamir (deutsch: das Gewissen), wo es um die Einreise, die Verhaftung, die Behandlung am Flughafen, in der Haft und unsere Forderungen ging. Ich verlangte die Herausgabe meiner im Koffer verstauten Spritze, wofür sich der Anwalt ergebnislos bei den Gefängniswärtern einsetzte.
 
Während unserer Innenhofspause (16:30 bis 18:30 Uhr) berieten die Insassen (nur Männer) aller fünf Zellen auf Französisch. Ich und ein 77-jähriger Engländer verstanden nichts, aber im Anschluss der Beratung hat man uns den Inhalt kurz übersetzt. Es ging um eine Fristsetzung für die Erfüllung unserer Forderungen (Grund der Verhaftung, telefonische Kontakte mit unseren Familien). Die Frist läuft bis zum nächsten Tag (Montag früh), ansonsten treten wir in Hungerstreik.
 
Unser Vertreter (ein Schotte) brachte den Inhalt der Beratung zum Gefängnisdirektor um 19:00 Uhr. Bis 21:00 Uhr gab es nichts Neues. Dann kamen zwei Beamte des Emigrationsministeriums um 22:00 Uhr, um mit uns zu reden. Sie haben eine schriftliche Erklärung der Verhaftung abgelehnt, aber die Telefonkontakte akzeptiert.
 
Montag, den 11.07.2011:
Wir haben jedes Essen abgelehnt. Der Ausgang zum Innenhof wurde uns verweigert und der Strom wurde abgeschaltet. In der Zelle war es 35 °C warm. Dann schrien wir um 08:00 Uhr mit einer Stimme aus den Zellen in den Flur laut: „We want phone“ (wir wollen telefonieren). Plötzlich trat das Gefängnisareal in den Ausnahmezustand, Sirenen heulten, das Personal wurde aufgestockt und bewaffnete Soldaten verteilten sich im Areal. Militärangehörige standen mit Videokameras an den Zellentüren und filmten uns durchs Türfenster.
 
Unser Vertreter wurde um 08:30 Uhr zu einem Krisengespräch von seiner Zelle abgeführt und kam um 09:00 Uhr zurück. Er teilte uns mit, dass
-         der Strom gleich eingeschaltet wird,
-         es telefonische Kontakte gleich geben würde,
-         es keine schriftliche Erklärung zum Verhaftungsgrund gibt.
 
Unsere Antwort war: „den Hungerstreik weitermachen“, womit die israelische Regierung nicht gerechnet hatte.
 
Um 10:30 Uhr traf ich mich wieder mit der Vertreterin der deutschen Botschaft, die mir mitteilte, dass die Rückreise binnen wenigen Stunden passiere. Von dem Hungerstreik wusste sie nichts. Die Haftangestellten hatten die Vertreterin des Konsulats belogen, in dem sie sie falsch informierten, dass ich ohne Einschränkungen mit meiner Familie in Deutschland telefoniert hätte.
 
Um 12:00 Uhr führte man mich zum Militärarzt, einem 3-Sterne-General. Sein arabisch sprechender Mitarbeiter meinte zu mir, dass der Militärarzt meinetwegen eine lange Stecke gefahren sei, um mir die Spritze „Methotrexat“ zu verpassen. Ich bedankte mich bei ihm und lehnte es ab, die Spritze zu nehmen.
 
Um 13:30 Uhr wurde ich zum Transporter gen Flughafen abgeführt. Ich packte schnell meine Sachen ein und bekam meine Asservate und das Musikinstrument zurück. Im Fahrzeug saß ein Israeli, der arabisch sprach. Er stellte mir folgende Fragen:
-         Er: Wer ist der Anführer der Gefangenen?
-         Ich: Wir haben keinen Anführer.
-         Er: Wer hatte die Idee mit dem Hungerstreik?
-         Ich: Ich weiß es nicht. Alle redeten französisch, was ich nicht verstand.
-         Er: Wer hat euch organisiert?
-         Ich: Israelis und Palästinenser.
 
Während des Verhörs kamen noch vier Sicherheitsbeamte, um das Gespräch zu belauschen. Um 14:00 Uhr kam die aus Köln stammende Aktivistin und wir wurden zum Flughafen gebracht. Die Reisepässe wurden dem Piloten gegeben, aber in Wien bekamen wir sie zurück.
 
Wir landeten in Berlin ca. 21:30 Uhr, wo mich einige Friedensaktivisten und Freunde empfingen.
 
Dr. Hikmat Al-Sabty
Mitglied des Rostocker Friedensbündnisses und des Landesvorstandes der Partei
DIE LINKE, Rostock / Deutschland