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8. Mai 2010 - Redebeitrag auf der Kundgebung zum Tag der Befreiung

65 Jahre Befreiung – 65 Jahre Nürnberger Prozesse:
Redebeitrag des Rostocker Friedensbündnisses zur Kundgebung der VVN-BdA auf dem Ehrenfriedhof der Roten Armee am Puschkinplatz in Rostock am 8. Mai 2010

Bericht zur Kundgebung auf den Internetseiten der VVN-BdA Rostock.

Wortlaut unseres Redebeitrags:

2010 ist nicht nur das Jahr, in dem wir 65 Jahre Befreiung vom Faschismus feiern. Vor 65 Jahren begannen auch die Nürnberger Prozesse, in denen die Kriegsverbrecher und ihre Hintermänner vor Gericht standen. Sie waren der erste Versuch, Kriegsverbrechen, die im Namen eines Systems begangen worden waren, gerichtlich zu ahnden, ein Völkerrecht zu etablieren. Ich möchte an die Nürnberger Prozesse erinnern.

Der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess, der erste der Nürnberger Prozesse, dauerte von November 1945 bis Oktober 1946. Zwanzig Personen wurden im Verlauf dieses Prozesses verurteilt. Ilja Ehrenburg, einer der Kommentatoren des Prozesses, schrieb über die Prominenten unter ihnen und über die, die man heute weniger kennt:

„ … keine ehemaligen Titel verdecken eines: Vor uns stehen Gangster, die auf frischer Tat ertappt wurden, Gangster, die zwölf Jahre lang Staatsmänner gespielt haben. Jeder von ihnen versucht, wie der simple ‚Fritz’, den man gefangengenommen hat, alles auf den Führer abzuwälzen. Keitel, einer der Grundpfeiler des dritten Reiches, tut so, als sei er ein gewöhnlicher Soldat – er habe nur Befehle ausgeführt, und von Ribbentrop schwört, dass die Diplomaten Hitlers nicht für die Soldaten Hitlers verantwortlich seien. …

Wie bekannt, versucht einer der ‚Stars’ des Nürnberger Prozesses, der ‚Thronfolger’ des Führers, Rudolf Heß, sich als unzurechnungsfähig auszugeben. Dafür hat er sich nicht auf Größenwahn verlegt (zu spät), nicht auf simple Geistesschwäche (zu peinlich), sondern auf Gedächtnisverlust … Als man Heß einen Film zeigte – eine faschistische Parade in Nürnberg - , erkannte der Stellvertreter des Führers sich selbst nicht wieder. …

Alfred Rosenberg galt bei den Faschisten als der ‚Spezialist für russische Angelegenheiten’. Das ist der Theoretiker des Raubes, der Philosoph der Plünderung. … Er raubte sowohl en gros als auch en détail. Er transportierte Weizen aus Russland ab, verachtete aber auch Kleinigkeiten nicht – so kümmerte er sich zum Beispiel darum, dass den Juden ‚eine oder zwei Stunden vor der Operation’ (so nannten die Faschisten die Massenhinrichtungen) die Goldzähne herausgerissen wurden. …

Da ist der alte Münchner Hilfspolizist Wilhelm Frick mit den Fischaugen. Er war Minister des Innern und bis 1943 war selbst Himmler ihm untergeordnet. Da der Henker Hollands – Seyß-Inquart, Spezialist für Geiseln. Da der Henker der Tschechoslowakei, von Neurath. Hitler hatte ihm gesagt: ‚Sie sind ein moderner Mensch, das heißt, ein kaltblütiger, und werden mit den Tschechen fertig werden.’ Nun gut, von Neurath begann, die Tschechen kaltblütig zu ermorden.

Sie alle waren ‚modern’ – ohne mit der Wimper zu zucken, erstickten sie Kinder. Nur ist ihre Zeit um, eine schreckliche Zeit. 1937 sagte Göring, die Deutschen würden ‚nach Plan’ kämpfen und das Ansichreißen fremder Länder bis zum Jahr 1945 abschließen. Er hat sich nicht im Datum geirrt; er hat sich im Resultat geirrt: Nicht umsonst hat die Rote Armee vier grimmige Jahre gekämpft – sie hat den deutschen Plan geändert und im Jahr 1945 hat man die Übermenschen beim Kragen genommen. Da sitzen sie auf der Angeklagtenbank.“

Die Verbrechen der Faschisten wurden mit einer Fülle von Beweismaterial vor der Weltöffentlichkeit ausgebreitet. In der Hoffnung, dass die Urteile von Nürnberg von Dauer sein würden, aber auch im Bewusstsein dessen, wie nah der Kalte Krieg schon war, schrieb Ehrenburg am 30. November 1945:

„Man wird nicht nur die Faschisten verurteilen – man wird den Faschismus verurteilen. Man wird die verurteilen, die ihn gezeugt haben, und die, die ihn wieder auferstehen lassen wollen – seine Vorläufer und seine Erben.“

Das ist auch unsere Verpflichtung: daran zu erinnern,


-    wenn die Verbrechen des Faschismus verharmlost werden, indem die Befreiung vom Faschismus umgedeutet wird in ein so genanntes „Kriegsende“ und krampfhaft bewiesen werden soll, dass doch alle irgendwie „Opfer“ waren,


-    wenn das Völkerrecht „weiterentwickelt“ werden soll, um Überfälle auf andere Länder zu rechfertigen, und wenn Prozesse viel zu schnell niedergeschlagen werden, wie unlängst in der Bundesrepublik Deutschland geschehen mit einem Prozess wegen eines Kriegsverbrechens, das deutsche Soldaten in Afghanistan begangen haben,


-    wenn die Verbrechen des Faschismus verharmlost werden, indem die Schuld an einem menschenverachtenden System im Dienste von Profitinteressen einzelnen Personen zugeschoben und, in einem zweiten Schritt, für ihr Verhalten um Verständnis geworben wird,


-    wenn die Verbrechen des Faschismus verharmlost werden, indem das Weiterleben seiner nationalistischen und militaristischen Traditionen nicht behindert wird, im Gegenteil, unter Nutzung dieser Traditionen wieder zum Krieg getrommelt wird, um so genannte „deutsche Interessen“ weltweit durchzusetzen.

Wir, das Rostocker Friedensbündnis, werden uns wieder zu Wort melden, wenn Ende des Jahres offiziell an die Nürnberger Prozesse erinnert wird. Vorher aber fahren wir morgen nach Berlin und feiern das Fest zum Tag des Sieges mit, der von der dortigen VVN-BdA ausgerichtet wird. Wer mitkommen möchte, möge sich bei uns melden, er ist herzlich eingeladen!

Vielen Dank!

Der vollständige Text des Artikels von Ilja Ehrenburg kann hier nachgelesen werden:

http://befreiung.blogsport.de/geschichte/ilja-ehrenburg/die-moral-der-geschichte/