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2009/2010 - Jahresendrundmail des Rostocker Friedensbündnisses

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

fast geschafft, das Jahr 2009. Jetzt überstehen wir alles!

Hinter uns liegt ein bedeutender Erfolg der Friedensbewegung: der Verzicht auf die Nutzung der Kyritz-Ruppiner Heide als Bombodrom. Aber wir erinnern uns auch an erbitterte Diskussionen um das militärische Vorgehen Israels im Gazastreifen. Wir waren Zeugen einer Regierungsumbildung, die den ausgewechselten Ministern die entsprechenden Qualifikationen nicht mitgeliefert hat, zum Beispiel: Der Verteidigungsminister redet von kriegsähnlichen Zuständen und meint nun, mit der Absicht der gezielten Tötung von Taliban das Massaker von Kundus rechtfertigen zu können, in klarer Selbstherrlichkeit der regierenden Politik, ungerührt weder von den Bedingungen des Mandats noch womöglich gar von der öffentlichen Meinung. Hinter uns liegt unsere erste massive Erfahrung mit staatlicher Repression anlässlich unserer Protestfahrt gegen den 60. NATO-Geburtstag - eine Erfahrung übrigens, die unsere Einsichten in administrative Mechanismen, unseren Solidaritätsbegriff, unsere lokalen Kontakte und auch die Stimmung am Ort in durchaus erfreulicher Weise bereichert hat; wir möchten in diesem Zusammenhang auch noch einmal ganz herzlich Dank sagen! Und hinter uns liegt (was auch sonst) die gefallene Berliner Mauer mit den dazugehörigen Peinlichkeiten.

Die deutsche Propaganda ... Verzeihung, die deutsche Kunst hat uns dagegen wieder viel Erhebendes beschert. Eine Rumäniendeutsche bedient die gängige Interpretation des Leidens aller am >Kriegsende<, ganz besonders natürlich der Deutschen, und erweist sich, aus dem Nichts kommend, als literaturnobelpreiswürdig. Hildegard von Bingen ist nach dem Film >Visionen< nicht mehr die esoterische Kräuterfee und Spiritualistin, sondern eine patente deutsche Frau. Und dank der Constantin Film (>Der Untergang<, >Der Baader Meinhof Komplex<) sind wir jetzt nicht mehr nur Papst, sondern auch Päpstin. Die guten Filme werden anderswo gemacht: >Inglourious Basterds< über den Umgang mit Faschisten und, ja, >Avatar<, ein Meilenstein nicht nur der Filmtechnik, sondern auch der publikumswirksamen Allegorisierung der Kriege in Irak und Afghanistan. Deutsche Schauspieler, emigriert, solange es noch Zeit ist!

Wir waren auch fleißig, nach Kräften: In der Friedensbündnisarbeit haben wir uns wie immer bemüht, eine kontinuierliche Arbeit zu gewährleisten. Unser >Ableger< Initiative Ilja Ehrenburg hat mit der Ausstellung >Ilja Ehrenburg und die Deutschen< trotz allem, was wegen der Eile in der Umsetzung des Projekts technisch nicht optimal war, für die Ehrenburg-Diskussion in Rostock einen neuen Rahmen definiert. Bei den Bildungsstreiks waren wir ebenfalls aktiv und fanden es gut, dass in den Beiträgen auf der Demonstration am 10. Dezember in Rostock deutlich die hohen Militärausgaben kritisiert wurden. Wir haben auch unsere Verbindungen ausgebaut. Das ist auch deshalb wichtig, weil wir wenige sind. Dabei braucht man die Notwendigkeit friedenspolitischen Engagements angesichts der immer unverhüllter aggressiven Politik der BRD inzwischen niemandem mehr zu erklären. Wir würden uns also sehr freuen, wenn mehr Menschen aktiv bei uns mitmachen würden. Erste ermutigende Signale gab es in diesem Jahr schon, aber oft muss einfach noch ein Schritt getan werden. Von vielen Ideen bleiben eben sonst nur Konzepte (wenn auch manchmal ganz gute ...).   

Vor uns liegt ein anstrengendes Jahr. 2010 bringt keine Erholung, weder was die sozialen Härten noch die Truppenaufstockungen, inklusive ihrer Selbststilisierung als friedensschaffend, noch die >Events< betrifft: Auf einmal wird es heißen, dass es >die Krise< doch gibt. In Portugal findet der nächste NATO-Gipfel statt. Die deutschen Jubelfeiern zum Mauerfall werden durch die europäischen Zehnjahresfeiern für die Lissabon-Strategie (auch wieder interessant für Bildungsstreikende) abgelöst. Ein Jahrestag liegt uns allerdings am Herzen: der 65. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai 2010. Wir werden weiterhin betonen, dass es der Tag der Befreiung ist. Das erscheint uns unabdingbar in Zeiten neuer deutscher Größe parallel zu der weltweit grassierenden völligen Umwertung historischer Tatsachen, die so weit geht, dass ein US-Präsident in seiner Friedensnobelpreisrede den Krieg lobt und zur Situation seit 9/11 folgenden historischen Vergleich zieht: >Eine gewaltfreie Bewegung hätte Hitlers Truppen nicht aufhalten können.<

Im kommenden Jahr wollen wir nach Inhalten und Formen suchen, die es uns möglich machen, noch viel mehr als bisher mit anderen zusammenzuarbeiten. Wir stellen uns zum Beispiel vor, dass es verschiedenste Aspekte gibt, die mit unseren Fixpunkten im Jahr - Ostermarsch und Weltfriedenstag - verknüpft werden können und die es sich mit eigenen Händen einzubringen lohnt. Außerdem wollen wir ein Thema neu beginnen, von dem wir überzeugt sind, dass es für die kommende Zeit von zentraler Bedeutung sein wird: Bundeswehr raus aus Schulen und Hochschulen, Arbeitsämtern und Jobfactories! Ständig aggressivere Rekrutierung und Rüstung bei sich weiter verschärfender sozialer und Bildungsnot erfordert neue Antworten durch Aufklärung und Aktion.

Merry X-mas und ein erfolgreiches neues Jahr uns allen!

Mit den besten Grüßen
Rostocker Friedensbündnis